Beatrice Voigt Kunst und Kulturprojekte & Edition: Symposium "Vom Werden"

Vom Werden
Entwicklungsdynamik in Natur und Gesellschaft

Perspektiven einer zukunftsoffenen Wertekultur im Dialog von Wissenschaft, Kunst und Bildung

Auswahl von Kurzdarstellungen zu Beiträgen

Die bewegten Beweger
Energie, Evolution, Entwicklung und das werdende Werden
Prof. Dr. Ernst Peter Fischer, Buchautor, Publizist, apl. Professor für Wissenschaftsgeschichte, Universitäten Heidelberg und Konstanz

Es gibt keine Welt ohne Energie, und ohne Energie kann auch nichts werden. Energie, das was aus dem Möglichen das Wirkliche werden lässt und weiter vorantreibt, kann als bewegter Beweger der Welt angesehen werden, wobei beide Begriffe – die Energie und der Beweger – bei Aristoteles auftauchen, nur dass der Philosoph von einem unbewegten Beweger des Daseins spricht. Die Energie wirkt aber, indem sie sich wandelt, und sie bringt dabei den Vorgang hervor, den man Evolution nennt und mit dem der Kosmos und das Leben ihre Strukturen und Formen annehmen und weiter entwickeln.

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Übrigens – „am Anfang war das Wort“ steht zwar in der deutschen Übersetzung der Bibel, aber die Kenner des Originals meinen, man hätte besser geschrieben „im Urstoff war die Information“, also die Kraft (Energie) zur Bildung einer Welt.
Was die biologische Evolution angeht, so operiert sie mit Genen, die von den Menschen als Beweger des Lebens angesehen werden und sich zugleich mit ihm ändern und von ihm beeinflusst werden. Die Gene sind also ebenfalls bewegte Beweger, die ihre Leistungs fähigkeit in den genetischen – morphogenetischen, morphodynamischen – Prozessen der Gestaltbildung erkennen lassen, die allgemein als (biologische) Entwicklung zusammen-gefasst werden. Nach der Evolution als Werden ohne Plan und Ziel und der Entwicklung als Werden mit (einem genetischen) Plan, hat die unzerstörbare Energie des fortschreitenden Wandels zu einem dritten Werden geführt, das als Kreativität bekannt ist und mit einem Ziel operiert. Kreativität bildet Formen und orientiert sich an dem bereits Gebildeten. Das werdende Werden führt somit nicht zu einem Weltbild, sondern zu einer Weltbildung. Die Welt wird immer wieder neu gebildet, das Dasein ist eine schöpferische Tätigkeit mit Menschen als ihren bewegten Bewegern. Das Ganze zeigt sich als ein werdendes Werden, und die Zukunft bleibt offen.

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Vom Werden der Welt
Ein Streifzug durch 4,6 Milliarden Jahre Erd- und Klimageschichte
Dr. Georg Feulner, Physiker, Forschungsbereich Erdsystemanalyse Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, Potsdam

Seit ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Milliarden Jahren aus den Überresten des solaren Urnebels hat die Erde eine wahrlich bewegte Geschichte durchlebt. Nach ihrer feurigen Geburt aus der Verschmelzung unzähliger kleinerer protoplanetarer Körper war insbesondere das Klima der Erde im Lauf der Äonen gewaltigen Veränderungen unterworfen, immer getrieben vom stetigen Anwachsen der Sonnenleuchtkraft, von den unaufhaltsamen Kräften der Plattentektonik sowie von der innigen Wechselbeziehung mit der Biosphäre.

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So kennen wir in der Erdgeschichte beispielsweise nicht nur heiße, eisfreie Treibhausklimazustände, sondern auch globale Vereisungen, die der Erde das Antlitz eines eisigen Schneeballs im All verliehen haben. Mein Vortrag wird im Rahmen eines ausführlichen Streifzugs durch die Erd- und Klimageschichte die wesentlichen Stationen auf dem Weg des Werdens der Welt darstellen und die Ursachen für die jeweiligen Veränderungen diskutieren. Dabei wird sich insbesondere die enge Wechselwirkung zwischen Leben und Klima wie ein roter Faden durch den Vortrag ziehen: unzählige Lebensformen an Land und in den Ozeanen sind für ihr Überleben und Gedeihen nicht nur abhängig vom Klimazustand, sondern haben umgekehrt immer wieder entscheidenden Einfluss auf das Klima unseres Planeten genommen. Dies hält bis in die heutige Zeit an, da der moderne Mensch das Klima der Erde in einem Ausmaß beeinflusst, das die Erde noch für viele Generationen prägen wird.

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Urgeschichte der Selbstorganisation
Zur Archäologie eines wirkmächtigen Paradigmas
Dr. Rainer Paslack, Dipl.-Soziologe, Bioethiker und Humanbiologe, Studienleiter am SOKO Institut Bielefeld

Alles Werden in Natur und Gesellschaft hat mit Organisation zu tun: mit der Organisation von Systemen. Aber das Werden eines Systems wird nicht gemacht, sondern geschieht aus sich selbst heraus: durch Selbstorganisation. Dass sich Systeme selbst organisieren können, mutet auf den ersten Blick mysteriös an. Gleichwohl ist uns die Existenz solcher Systeme wohl vertraut: Alle Lebewesen und deren Evolution verdanken sich einer spontanen Bildung von mehr oder minder dauerhaften Strukturen, einem Prozess also. Dasselbe gilt aber auch etwa für unser Sonnensystem, für Meeresströmungen, Wirbelstürme oder Kristalle und sogar für soziale Systeme.

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Ziel des Vortrags ist es, die Grundideen einer Theorie der Dynamik selbstorganisierender Systeme und deren philosophie- und wissenschaftshistorische Ursprünge nachzuzeichnen. Vorstellungen zu einer spontanen Entstehung von Ordnung aus Unordnung, aus dem „Chaos“, lassen sich bereits in vielen Mythen unterschiedlicher Kulturen sowie bei einigen Denkern der Antike nachweisen. Doch erst seit etwa den 1960er Jahren haben sich auch die Wissenschaften, vor allem Physik, Chemie und Biologie, dem Phänomen der Selbstorganisation als einem neuen Modell für die Dynamik komplexer Systeme verstärkt zugewandt und unterschiedliche Ansätze zu deren theoretischem Verständnis entwickelt. In dem Vortrag werden die Kernideen der wichtigsten Konzepte vorgestellt (insbesondere Synergetik, Chaostheorie, Autopoiese und die Theorie dissipativer Strukturen). Seitenblicke sollen auch auf einige „Anwendungen“ dieser Konzepte im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften geworfen werden. Der Vortrag folgt weitgehend einer historischen Perspektive, um die „Urgeschichte“ der Idee der Selbstorganisation deutlich werden zu lassen, einer Idee, die mittlerweile zu einem neuen „transdisziplinären“ Paradigma und zu einer neuen Sichtweise auf die Wirklichkeit im Ganzen herangereift ist.

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Dialog mit der Erde
Bodenkontakt als transkulturelles Ereignis
Marianne Greve, Konzeptkünstlerin, Biologin, Hamburg

Erde von vielen Orten des Globus lässt die gemeinsame Abhängigkeit aller Kulturen und Religionen von dieser dünnen Schicht verwitterten Gesteins erkennen, aus dem das Leben seine Nahrung bezieht und in dem es seine Spuren hinterlässt. Der Erdboden ist mehr als eine ausbeutbare Nutzfläche und mehr als ein dunkles Versteck für unseren Abfall. Die „Monade des Ortes“, der Kultur, der Ereignisse, die an einem Ort stattgefunden haben, bleiben darin nachvollziehbar enthalten. Im Laufe der Zeitgeschichte versinken im Boden Kulturen, die ehemals aus ihm entstanden sind. Die Erde, der Boden, hat das längste Gedächtnis.

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„Erdbücher“ bestehen aus transparenten Buchhüllen, die mit Bodenproben von weltweiten Spendern gefüllt sind. Das Buch ist Urform kultureller Aktivität und wird global als solches assoziiert. Diese Präsentation der Erden läßt Kreativität in Vielfalt von Struktur und Farbe erkennen. Die horizontalen Schichtenfolgen von Sedimenten erlauben es, die Vergangenheit Schicht für Schicht wie Blatt für Blatt in einem Buch nachzuvollziehen. Damit werden die realen Bodenproben in eine Form gebracht, die Natur und Kultur verbindet sowie mit der geistigen Welt in Beziehung setzt.
Die gegenseitige Abhängigkeit von Behältnis und Inhalt wird zum poetischen Objekt und bleibt durch einen Zahlencode mit den jeweiligen Spendern und deren persönlichen, kulturellen oder auch erdgeschichtlichen Legenden verknüpft. Die Essenz der jeweiligen Zeit – vom Klima bis zu den kulturellen Lebensäußerungen – ist ebenso enthalten wie kollektive und individuelle persönliche Erinnerungen sowie vielfältige Emotionen.
Dieses bereits in der „Erdbibliothek 83“ angelegte Prinzip wird im „Eine-Erde-Altar“ erweitert, um möglichst viele Menschen stellvertretend für den ganzen Globus im Dialog daran teilhaben zu lassen (www.eine-erde-altar.org).

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„Werden“ aus ökologisch-evolutionärer Sicht
Über das Zusammenspiel von Natur- und Kultursystemen
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Haber, ehem. Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München, Mitglied der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Leben ist selbst-organisiertes, innovatives Werden und Vergehen, das – als Evolution – bewusst nur vom Menschen erkannt werden kann und kulturelle Wertsetzungen erhält. Mit diesen sucht er das Werden zu gestalten, Natur in Kultur zu transformieren, und bringt damit deterministische Elemente in die Selbstorganisation. Das Ergebnis ist Fortschritt als neuer Teil vom Werden und steigert dessen – nunmehr als System begriffene – Komplexität, die damit zum Kennzeichen menschlicher Umwelt geworden ist.

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Zugleich wird aber Werden mit statisch aufgefasstem Sein durchsetzt, weil als wertvoll angesehene Schöpfungen von Kultur und Natur erhalten bleiben und nicht vergehen sollen. Diese Wertekultur trifft auf das allgemeine Lebensprinzip der Vielfalt, das auch kulturelle Weltsichten zwischen Globalisierung und Individualität umfasst, und Entscheidungen über Werden, Sein und Vergehen zu einer ständigen Herausforderung macht.

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Vom Machen und Werden der Emotionen
Monsungefühle in der Geschichte Südasiens
Dr. Imke Rajamani, Historikerin, Fachbereich Geschichte der Gefühle, Max Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Die Wahrnehmung und Gestaltung unserer Umwelt hängt wesentlich von den Gefühlen ab, die wir in ihr und für sie entwickeln. Der Vortrag illustriert das Machen und Werden von Emotionen anhand der Monsungefühle in der Geschichte Südasiens. Der von Juni bis September dauernde Sommermonsun gilt als lebensspendender Atem des Subkontinents. Ein guter Monsunregen verspricht reichte Ernte, niedrige Lebensmittelpreise, gutes Wirtschaftswachstum und somit eine gute Grundlage für Stabilität und Wohlergehen. Gleichzeitig birgt die Regenzeit lebensbedrohende Gefahren. Alljährlich sterben allein in Indien über zweitausend Menschen an den Folgen von Überschwemmungen und saisonalen Infektionskrankheiten. Regnet es zu wenig oder beginnt der Monsun zu spät droht ein Jahr der Dürre mit ihren weitreichenden gesundheitlichen und sozialen Folgen.

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Der Monsun ist daher ebenso eng mit Gefühlen von Hoffnung, Freude und Erotik verbunden, wie mit Angst und Trauer. Der Vortrag skizziert das historische Werden der Monsungefühle mit Beispielen aus den Künsten Südasiens vom 5. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Neben der Genese und dem Wandel von Emotionen widmet sich der Beitrag auch ihrer Geschichtsmächtigkeit. Denn Monsungefühle waren und sind als Handlungsmotivatoren ein wesentlicher Faktor für Entwicklungsdynamiken im kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Werdens Südasiens.

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Transkulturalität
Kultur im Fluss
Prof. em. Dr. Wolfgang Welsch, Philosoph, ehem. Inhaber des Lehrstuhls für Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Berlin

Zwei Thesen vorweg:
1. Wo Werden das Thema ist, muss in philosophischer Hinsicht die Prozessontologie in den Mittelpunkt treten. Sie besagt, dass nicht beharrende Gegenstände (Substanzen), sondern Prozesse die grundlegenden Faktoren der Wirklichkeit sind.
2. Dementsprechend sind Relationen grundlegender als Dinge. Alle Dinge sind durch Relationen bestimmt. Man muss sich von dem alten Irrtum eines Ansichseins der Dinge frei machen. Ein jedes Ding ist, was es ist, durch die Prozesse, die zu ihm geführt haben und durch die Relationen, in denen es steht; darüber hinaus ist es nichts. Mit Rilke gesprochen: „Alles ist nicht es selbst.“
Diese beiden grundlegenden Gesichtspunkte – Prozessualität und Relationalität – werde ich auf ein spezielles Thema beziehen bzw. an einem speziellen Thema aufzeigen, nämlich an der Verfassung der Kulturen.

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Meine These geht dahin, dass Kulturen (wie alles andere auch) nicht in sich geschlossene und aus einem Eigenkern definierte Gebilde sind, sondern dass sie durch Prozesse und Relationen gekennzeichnet sind. Kulturen sind nicht (auch wenn man das vielfach gemeint hat) autogene und autonome Substanzen, sondern sie haben sich durch vielfältige Einflüsse gebildet, sind ständig in Bewegung begriffen, verändern ihre Form mehr oder minder schnell und können in neuartige kulturelle Netze übergehen. Kulturen sind nicht aus Stein, sondern im Fluss.

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Wirkliches geschieht
Die schöpferische Dynamik von Werden und Vergehen
Dr. Aljoscha Berve, Philosoph, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, stellvertretender Vorsitzender der European Society for Process Thought

Eine philosophische Perspektive auf die Dynamik von Prozessen ist, je nach Betrachtungsweise, entweder die schwächste oder die stärkste Form der Prozesstheorie. Die Philosophie hat keinen Bereich genuiner empirischer Expertise; sie beschäftigt sich nicht mit fachspezifischen Prozessanwendungen, sondern vielmehr mit dem allgemeinen Konzept von Prozessualität.
Ausgehend von dem breitest möglichen Vorverständnis dessen, was Werden, Vergehen und Prozessualität sei, möchte die Prozessphilosophie also ein Strukturmodell dynamischer Prozesse entwickeln, das die vielen, teils disparaten Bereiche lebensweltlicher Prozesserfahrung möglichst adäquat berücksichtigt und in einer kohärenten Gesamttheorie zusammenführt.

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Mit diesem Vorhaben ist die Agenda aktueller prozessphilosophischer Theoriebildung inhaltlich bereits angemessen definiert. Die Prozessphilosophie ist allerdings keine lockere Ansammlung oberflächlich verbundener Theorien, sie beruht auf den hochkomplexen philosophischen Gesamtkonzepten Alfred North Whiteheads und Henri Bergsons. Damit ist gewährleistet, dass in einer Zeit, in der ubiquitär bis in Bereiche trivialer Alltagsgestaltung hinein von Prozessen gesprochen wird, ein philosophisches Instrumentarium zur Verfügung steht, das eine irreduzibel qualitative Auffassung von Prozessualität bietet. Der Eigenwert menschlicher Erfahrung führt zu einem Prozessverständnis, das die Dynamik von Werden und Vergehen auf der Basis einer universellen Kreativität verortet, von der ausgehend sich der Fortschritt des Universums als eine Form schöpferischer Ästhetik begreifen lässt.

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