Beatrice Voigt Kunst und Kulturprojekte & Edition: Symposium "Vom Werden"

Vom Werden
Entwicklungsdynamik in Natur und Gesellschaft

Perspektiven einer zukunftsoffenen Wertekultur im Dialog von Wissenschaft, Kunst und Bildung

Intro

Nichts auf der ganzen Welt ist beständig. Alles fließt, und jede Erscheinung wandelt sich im Laufe der Zeit… Was früher war, ist vorbei; es entsteht, was es nicht gab, und jeden Augenblick geschieht etwas Neues.

Ovid: Metamorphosen XV, 177 verfasst 1-8 n.Chr.

„Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“, so beschreibt der Vorsokratiker Heraklit (520-460 v.Chr.) das Prozesshafte von Vorgängen in der belebten und unbelebten Natur. Unsere Welterfahrung unterliegt einem fortwährenden Wechsel der Stoffe und Formen: das Sein ist das Werden des Ganzen. Das Sein ist nicht statisch, sondern als permanente dynamische Veränderung zu begreifen. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, so Heraklit. Zugleich ist der unaufhörliche Fluss ein Synonym für Einheit: Einheit in der Vielheit1 und Vielheit in der Einheit.
© Beatrice Voigt
2500 Jahre später legt der Physiker, Philosoph und Nobelpreisträger Ilya Prigogine in seinem 1979 erschienenen Buch Vom Sein zum Werden2 dar, dass offene Systeme wie Organe, Menschen, Organisationen, Gesellschaften, die sich in einem ständigen Prozess inneren Wechselspiels befinden, sich zu Ordnungsstrukturen von immer höherer Komplexität entwickeln (Ordnung durch Fluktuation). Prigogine gelang es, die Gesetze des schöpferischen Chaos mit seinen Denkansätzen in Übereinstimmung zu bringen: „Der Weg von der Quantenwelt zu unserer klassisch-dynamischen Welt führt über instabile dynamische Systeme. Es ist nicht mehr der Beobachter, sondern es ist die Instabilität des Systems, die die Potentialitäten aktualisiert.“3 Heute wissen wir, dass dieses Modell auf jedes offene System im Universum anwendbar ist, sei es eine Ansammlung von Lebewesen oder von Molekülen, den menschlichen Körper oder den Kosmos.
Statische und dynamische Phänomene der belebten und unbelebten Natur werden durch Myriaden von Prozessen gesteuert. Eine erstaunliche Eigenschaft besteht in der Tatsache, dass ihr Entstehungsprozess stets einer gehörigen Portion Zufall ausgesetzt ist.4 Erst in jüngerer Zeit ist es gelungen, die Grundlagen dieser Vorgänge zu verstehen, die als universelle, selbstorganisierte Musterbildungsprozesse quer durch die belebte und unbelebte Natur wirken. So sind chaotische Systeme, fraktale Dimensionen und Schmetterlingseffekte Konzepte einer neuen Weltsicht, in der das Universum nicht mehr deterministisch erscheint, sondern sich laufend selbstbezüglich neu erschafft. Die Gedanken von Ovid, Heraklit und Prigogine aus unterschiedlichen Zeiten und Räumen lassen etwas von der Bedeutung ahnen, die dem stetigen Prozess des Werdens innewohnt.
Die Welt der Lebewesen in ihrem vielfältigen und komplexen Zusammenspiel mit der Welt der Phänomene treten als dynamische Prozesse in Raum und Zeit in Erscheinung. Erst im Zusammenwirken aller an den Prozessen des Lebens und seinen Wechselwirkungen Beteiligten wird die Entfaltung ganzheitlicher Lebensqualität möglich. Dieses Zusammenspiel ist gekennzeichnet durch Vorgänge der Selbstorganisation. Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Selbstorganisation führt das klassische logische Denken an seine Grenzen. Der inhärente paradoxe Charakter derartiger Systeme fordert eine Erweiterung unseres Denk-und Handlungsrahmens.
Mit der Systemtheorie eröffnet sich ein systematischer Zugang zum Verständnis von Elementen und Wirkbeziehungen von Entstehungsprozessen in unterschiedlichsten Bereichen. Dabei geht es um Prinzipien eines integrierten prozesshaften Denkens, wie sie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Begründer der Allgemeinen Systemtheorie, dem österreichischen Biologen und Philosophen Ludwig von Bertalanffy benannt wurden. So definierte er ein System als einen Komplex interagierender Elemente oder als dynamische Anordnung von Teilen und Prozessen, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen.
Das Symposium Vom Werden beleuchtet grundlegende Fragestellungen zur Entwicklungsdynamik gewachsener, in steter Entwicklung und Wechselwirkung befindlicher Beziehungsgefüge von Systemen und Gesellschaften. „Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist das Verständnis des komplexen Systems Mensch, der nicht nur eine biologische, sondern auch eine soziologische Selbstorganisation zeigt, bei der der menschliche Geist eine maßgebliche Rolle spielt“5. Vor diesem Hintergrund wird der Prozess des Werdens als selbstorganisierter Prozess und seine Einbettung in ein übergeordnetes Ganzes immer mehr zum Schlüssel der Gestaltung vor uns liegender gesellschaftlicher Aufgaben.
Vom Werden thematisiert die Dynamik von Entwicklungsprozessen in Natur und Gesellschaft als kontinuierliche Werdeprozesse von der Auflösung des Alten über die Transformation hin zum Entfaltungsprozess des Neuen. Davon ausgehend möchte das Symposium zum Weiterdenken inspirieren und für den vielfältigen Empfindungs-, Erfahrungs- und Wertungszusammenhang des Menschen mit Natur und Kultur sensibilisieren. Beiträge namhafter Referent*innen aus Naturwissenschaft und Philosophie, Kunst und Bildung verbinden sich zu einem sparten- und kulturübergreifenden Dialog. Der Horizont erweitert und vertieft sich; Grundlagen und Wege im Umgang mit der komplexen Dynamik einer sich immer schneller verändernden Welt öffnen den Blick für Perspektiven einer zukunftsoffenen Wertekultur in Verantwortung für kommende Generationen.
© Beatrice Voigt, München im Dezember 2016

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Monadologie Hrsg. Hubertus Busche, Walter de Gruyter, 2009
2 Prigogine, Ilya: Vom Sein zum Werden. R. Piper Verlag München, 1979
Prigogine, Ilya / Stengers, Isabelle: Dialog mit der Natur, R. Piper Verlag München, 1981
Peitgen, Heinz-Otto: Wasser. Schatz der Zukunft, Hrsg. Beatrice Voigt, oekom verlag München, 2004
Bodenschatz, Eberhard: BodenLeben. Erfahrungsweg ins Innere der Erde, Beatrice Voigt Edition München, 2013